Wenn in Deutschland über Macht gesprochen wird, richtet sich der Blick fast automatisch nach Berlin.
Bundestag. Kanzleramt. Ministerien. Parteien. Verbände. Regierungsviertel.
Doch wer verstehen will, wie Entscheidungen in Deutschland entstehen, muss den Blick erweitern.
Denn rund 400 Kilometer südwestlich von Berlin befindet sich ein zweites Zentrum von besonderer Bedeutung:
Frankfurt am Main.
Hier konzentrieren sich nicht die politischen Institutionen der Bundesrepublik.
Hier konzentriert sich etwas anderes:
Geldpolitik, Finanzmärkte, Banken, Kapital, Regulierung und ein Teil der europäischen Finanzarchitektur.
Berlin entscheidet über Gesetze und politische Richtungen.
Frankfurt ist einer der Orte, an denen sich zeigt, unter welchen finanziellen Bedingungen Wirtschaft und Politik handeln.
ZWEI STÄDTE, ZWEI FORMEN VON MACHT
Berlin und Frankfurt erfüllen unterschiedliche Funktionen.
In Berlin befinden sich Bundesregierung, Bundestag und Bundesministerien.
In Frankfurt befinden sich dagegen Institutionen, deren Entscheidungen weit über die Stadt hinausreichen.
Die Europäische Zentralbank hat hier ihren Hauptsitz.
Die Deutsche Bundesbank hat ihre Zentrale in Frankfurt.
Auch die KfW Bankengruppe hat hier ihren Hauptsitz.
Die Deutsche Börse ist im Finanzzentrum Frankfurt verankert; ihr Konzernsitz befindet sich im unmittelbar angrenzenden Eschborn, während der Börsenhandel historisch und institutionell mit Frankfurt verbunden bleibt.
Hinzu kommt die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung – EIOPA –, die ebenfalls in Frankfurt sitzt.
Diese Institutionen besitzen sehr unterschiedliche Aufgaben.
Sie bilden keine einheitliche Organisation.
Doch ihre räumliche Konzentration macht Frankfurt zu einem außergewöhnlichen institutionellen Knotenpunkt.
WENN GELDPOLITIK ZUM MACHTFAKTOR WIRD
Geldpolitik wirkt abstrakt.
Zinssätze.
Inflation.
Liquidität.
Anleihekäufe.
Bankenrefinanzierung.
Finanzstabilität.
Doch hinter diesen Begriffen stehen Entscheidungen, die Unternehmen, Staaten, Banken und Millionen von Haushalten betreffen können.
Genau deshalb ist die Europäische Zentralbank weit mehr als nur ein weiteres Gebäude in der Frankfurter Skyline.
Sie ist das Zentrum der Geldpolitik für den Euroraum.
Und unmittelbar daneben existiert mit der Deutschen Bundesbank eine Institution, die seit 1999 Teil des Europäischen Systems der Zentralbanken und des Eurosystems ist.
Damit treffen in Frankfurt nationale und europäische Ebenen unmittelbar aufeinander.
Wer die deutsche Machtstruktur untersuchen will, kann diese Ebene deshalb nicht ignorieren.
DIE BÖRSE: WO KAPITAL SICHTBAR WIRD
Frankfurt ist auch mit einem anderen Symbol verbunden:
der Börse.
Die Börse entscheidet nicht darüber, welche Gesetze Deutschland erlässt.
Aber Finanzmärkte beeinflussen die Bedingungen, unter denen Unternehmen Kapital aufnehmen, Investoren Vermögen verteilen und wirtschaftliche Erwartungen entstehen.
Die Deutsche Börse Group steuert von Frankfurt und Eschborn aus zentrale Teile einer internationalen Finanzmarktinfrastruktur.
Handel, Clearing, Abwicklung, Daten und technische Systeme gehören heute zu einer Welt, die weit komplexer ist als das traditionelle Bild von Händlern auf einem Börsenparkett.
Auch hier zeigt sich ein Grundprinzip von MACHTNETZWERKE DEUTSCHLAND:
Wer nur auf das sichtbare Gebäude schaut, sieht nicht das gesamte System dahinter.
MEHR ALS PRIVATBANKEN
Wenn von Frankfurt als Finanzzentrum gesprochen wird, denkt man häufig zuerst an Geschäftsbanken.
Doch die Struktur ist breiter.
Die KfW ist beispielsweise keine gewöhnliche Privatbank.
Sie ist eine Förderbank im Eigentum des Bundes und der Länder und arbeitet im öffentlichen Auftrag.
Ihr Hauptsitz befindet sich ebenfalls in Frankfurt.
Damit begegnen sich in derselben Stadt unterschiedliche Formen finanzieller Macht:
europäische Geldpolitik,
nationale Zentralbankfunktionen,
öffentliche Förderfinanzierung,
private Finanzwirtschaft,
Kapitalmärkte
und europäische Aufsicht.
Diese Bereiche dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Gerade ihre unterschiedlichen Funktionen machen die Konzentration interessant.
REGULIERUNG SITZT MIT AM TISCH
Finanzmärkte bestehen nicht nur aus Banken und Investoren.
Sie werden reguliert und beaufsichtigt.
Auch auf dieser Ebene spielt Frankfurt eine Rolle.
Die EIOPA, die europäische Aufsichtsbehörde für Versicherungen und betriebliche Altersversorgung, hat ihren Sitz am Frankfurter Westhafen.
Damit befinden sich in derselben Stadt nicht nur bedeutende Akteure der Geld- und Finanzwelt, sondern auch eine europäische Aufsichtsbehörde.
Das bedeutet nicht, dass diese Institutionen gemeinsam Entscheidungen treffen.
Es bedeutet jedoch, dass Frankfurt über eine außergewöhnlich hohe Dichte an Institutionen verfügt, die für das Funktionieren des Finanzsystems relevant sind.
MACHT ENTSTEHT NICHT NUR DURCH ENTSCHEIDUNGEN
Eine Stadt wird nicht allein dadurch zum Machtzentrum, dass dort mächtige Institutionen ihren Sitz haben.
Entscheidend ist auch das Umfeld, das um sie herum entsteht.
Banken.
Beratungsgesellschaften.
Anwaltskanzleien.
Wirtschaftsprüfer.
Finanzdienstleister.
Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Verbände.
Konferenzen.
Netzwerke.
Dort entstehen Kontakte und berufliche Beziehungen.
Menschen wechseln Funktionen.
Experten bewegen sich zwischen Unternehmen, Institutionen und Wissenschaft.
Karrieren kreuzen sich.
Genau an dieser Stelle wird aus einer Liste von Organisationen ein Netzwerk.
DER FEHLER WÄRE, AUS NÄHE KONTROLLE ABZULEITEN
Die räumliche Nähe verschiedener Institutionen beweist keine gemeinsame Steuerung.
Dass zwei Organisationen in derselben Stadt sitzen, sagt für sich genommen noch nichts über Einfluss oder Koordination aus.
Das ist eine wichtige Grenze jeder seriösen Netzwerkanalyse.
Interessant wird es erst dann, wenn konkrete Verbindungen dokumentiert werden können.
Personen.
Funktionen.
Berufliche Wechsel.
Gremien.
Beratungsmandate.
Institutionelle Zusammenarbeit.
Erst dann lässt sich untersuchen, ob zwei ursprünglich getrennte Bereiche tatsächlich miteinander verbunden sind.
VON BERLIN NACH FRANKFURT – UND ZURÜCK
Gerade deshalb ist nicht nur Frankfurt selbst interessant.
Interessant ist die Verbindung zwischen Frankfurt und Berlin.
Was geschieht, wenn Menschen zwischen Ministerien, Finanzinstitutionen, Unternehmen, Aufsichtsorganen und anderen Organisationen wechseln?
Welche Karrierewege verbinden politische und finanzielle Institutionen?
Welche Namen tauchen an mehreren Stellen auf?
Welche Funktionen werden nacheinander übernommen?
Und an welchen Punkten treffen nationale, europäische, öffentliche und private Strukturen aufeinander?
Ein einzelner Lebenslauf beantwortet diese Fragen nicht.
Viele Lebensläufe nebeneinander können jedoch ein Muster sichtbar machen.
FRANKFURT IST KEIN GEGENENTWURF ZU BERLIN
Es wäre falsch, Berlin und Frankfurt gegeneinander auszuspielen.
Berlin bleibt das politische Zentrum Deutschlands.
Frankfurt erfüllt eine andere Funktion.
Gerade deshalb ergänzt die Stadt die Karte der Macht.
In Berlin konzentriert sich politische Entscheidungsgewalt.
In Frankfurt konzentrieren sich wesentliche Teile der deutschen und europäischen Finanzarchitektur.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
Berlin oder Frankfurt?
Sondern:
Wie sind Berlin und Frankfurt miteinander verbunden?
DIE KARTE BEGINNT ERST
Wer nur Institutionen aufzählt, erhält ein Verzeichnis.
Wer ihre Verbindungen untersucht, erhält eine Karte.
Und genau dort setzt MACHTNETZWERKE DEUTSCHLAND an.
Das Buch verfolgt nicht nur Organisationen.
Es verfolgt Menschen.
Karrieren.
Funktionen.
Kapital.
Gremien.
Übergänge.
Und die Verbindungen zwischen ihnen.
Denn Frankfurt ist nicht einfach die Stadt der Banken.
Es ist einer der Orte, an denen sich ein entscheidender Teil des deutschen und europäischen Machtnetzes beobachten lässt.
Und die spannendste Frage beginnt dort, wo die Linien Frankfurt verlassen.
FOLLOW THE NETWORK.
MACHTNETZWERKE DEUTSCHLAND
Patrick Panteix
QUELLEN / SOURCES
Europäische Zentralbank (EZB) – Hauptsitz und Standorte der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main.
Europäische Zentralbank – Adresse und Standorte
Deutsche Bundesbank – Organisation der Bundesbank und Sitz der Zentrale in Frankfurt am Main.
Deutsche Bundesbank – Organisation
Deutsche Börse Group – Standort Frankfurt/Eschborn, Konzernsitz und Finanzmarktinfrastruktur.
Deutsche Börse Group – Frankfurt und Eschborn
KfW Bankengruppe – Hauptsitz der KfW in Frankfurt am Main.
KfW – Standorte und Hauptsitz Frankfurt
European Insurance and Occupational Pensions Authority (EIOPA) – Sitz der europäischen Aufsichtsbehörde in Frankfurt am Main.
EIOPA – Standort Frankfurt am Main


